Poppers Sturz aus dem Philosophen-Himmel
Wer ein vierhundert Jahre altes Buch vor sich auf dem Tisch
liegen hat, wird keineswegs denken es sei
wertlos, weil es so alt ist. Im Gegenteil, jede/r wird es
behutsam angreifen und darin blättern, erstaunt und
ehrfürchtig zugleich über den Umstand, dass es immer
noch da ist, durch Jahrhunderte hindurch gehütet
und bewahrt wurde. Generell gilt, insbesondere für materielle
Güter, dass je älter sie sind, desto wertvoller
dünken sie uns Menschen, denn was sehr alt ist, muß
in irgendeiner Form wertvoll sein, denn es trägt die
Spuren der Zeit in sich. Das ist offenkundig in dem Fall des
vierhundert Jahre alten Buches. Auch alte
Gebäude, Bilder, kulturelle Gegenstände aller Art
werden – nicht ausnahmslos – als wertvoll befunden,
restauriert und dann anschließend (meistens) musealisiert.
Das ergibt Sinn, keine Frage, denn es muss
für die Nachkommen erhalten bleiben. Kulturbewusstsein
darf nicht abreißen - wir müssen auf etwas
aufbauen können und dazu zählt auch die geistige
Kultur, zu der die Philosophie gehört.
Anmerkung für die LeserInnen: Die folgenden Überlegungen
bitte nicht als Angriff zu verstehen, sondern als interne
und externe Diskussionsgrundlage! Philosoph/Philosophin war
wer sich dieser Wissenschaft verschrieb, sich ihrer annahm
über sie sprach, sie lehrte und lebte. Heute ist das
anders. Heute ist jede/r ein/e Philosoph/Philosophin. Jede
Person darf sich mit diesem „Titel“ schmücken,
es reicht allein die Erkenntnis, dass ich bin und rede. Und
wer tut das nicht? Alle Menschen reden, die einen mehr, die
anderen weniger, viele reden nur monologisch von sich selbst,
aber auch das ist reden. Irgendjemand hört ja meistens
zu.
Im Gegensatz zu Medien- und KommunikationswissenschafterInnen,
die sich bewusst sind, dass das
Wort Medium mittlerweile so inflationär ist, dass kein
Mensch mehr zwischen Medium und Nicht-Medium
unterscheiden kann, braucht es bei den Philosophen/Philosophinnen
wahrscheinlich noch geraume Zeit
bis sie erkennen, dass ihr Gegenstand, die Philosophie ebenfalls
zur Fressbeute der Inflation geworden ist. Alle kennen das
Ergebnis einer Inflation: die Geldentwertung. Umgemünzt
auf die Philosophie ergibt das folgendes Bild: Wenn jede/r
ein/e Philosoph/Philosophin ist, wer soll da die Philosophen
und Philosophinnen noch brauchen? Niemand!
Nun könnte natürlich der Einwand kommen, dass sich
die Menschen Richtung „Universalgenies“ entwickeln.
Ein Trend der sich schon seit Jahrzehnten mit den Häuselbauern
abzeichnet und der Explosion der Baumärkte. Das heißt
künftig können alle alles. Demgegenüber steht
das Verzweigen der Branchen in immer mehr ExpertInnen durch
die Verdoppelung des „Wissens“ weltweit alle 5
– 7 Jahre und die Maschinisierung vieler Arbeitsvorgänge.
So gesehen wird es wohl kaum möglich sein, dass die Menschen,
ohne maschinelle Unterstützung (Hirnaufbesserung mittels
Bio-, Nano- oder sonstiger Chips) in der nächsten Zeit
zu Universalgenies mutieren werden.
Gründe die dazu geführt haben, dass alle Menschen
Philosophen/Philosophinnen sind, gibt es mehrere unter anderem
ist der Ausspruch von Karl R. Popper dafür verantwortlich:
„Ich glaube, daß alle Menschen
Philosophen sind, wenn auch manche mehr als andere“
(Karl Popper, Alle Menschen sind Philosophen, Hrsg. Heidi
Bohnet / Klaus Stadler, S. 11, Piper, München 2005) Aber
er hat es vermutlich nur „gut gemeint“, wollte
die Menschen anspornen, sie motivieren.
Die Verantwortung dafür, dass daraus dann gleich ein
Buchtitel wurde, nämlich „Alle Menschen sind
Philosophen“, kann Popper fairerweise nicht „angelastet“
werden, sondern den Herausgebern Heidi Bohnet und Klaus Stadler
(Piperverlag).
Das ist der eine Grund, der andere ist die Verwechslung von
Selbstbild (so bin ich), Menschenbild (so sind
die Menschen), Weltbild (so ist das Leben)und Philosophie
in der Annahme jedes Weltbild, egal welchen Inhalts, sei automatisch
„Philosophie“! Das ist vermutlich auch der Grund
warum, vor allem praktischen
Philosophen/Philosophinnen der Meinung sind, sie müssten
mit den Ratsuchenden umgehen wie mit ihresgleichen, obwohl
sie selber nicht mehr wissen was das eigentlich ist: Philo-Sophia.
Abgesehen
davon, dass die Ratsuchenden bei den Philosophen/Philosophinnen
äußerst rar sind, hält sich diese Mär
seit Jahrzehnten.
Mag sein das der folgende Vergleich nicht statthaft ist, aber
er drängt sich förmlich auf:
Gehen Ärzte, Rechtsanwälte, Tischler, Installateure,
etc. mit ihren KundInnen/KlientInnen/PatientInnen
ebenfalls so um, als wären diese vom Fach? Dürfen
alle Menschen die wissen, wie man einen Kräutertee
zubereitet sich als Arzt/Ärztin bezeichnen? Natürlich
dürfen sie, aber es wird sie kaum jemand ernst
nehmen. Anders ist das in der Philosophie: Diese Berufssparte
ist die größte, sie hat ein Mitglieder-
Volumen von 6 Milliarden Menschen. Kein Wunder, dass dieser
Beruf als „brotlos“ gilt, wie viele Sparten
der Kunst, insbesondere die der Malerei. Dieser hohe Mitgliederstand
verbindet die Philosophie
automatisch mit der Kunst. Beide teilen dasselbe Schicksal.
So wie jeder Mensch per se ein Philosoph ist,
ist er auch ein Künstler. Künstler ist man auch
sofort, da genügt es eine kleine Leinwand mit Farben
zu
behandeln und fertig ist das Kunstwerk. So wie in der Philosophie:
Ein kluger Satz der nach Reflektion
riecht und schon ist man ein Philosoph.
Es sieht so aus, als wäre das Wissen dieser Branche so
lächerlich, so leicht lernbar, dass jede/r ein
Philosophen/Philosophinnen sein kann. Mehr noch, es sieht
sogar so aus, als wäre das Wissen jedem
Menschen automatisch angeboren.
Selbstverständlich gibt es Menschen, die sich zu diesem
Fach hingezogen fühlen, die sich damit
auseinandersetzen, denen die Sinnsuche und die Metaebene des
Seins ein vordergründiges Anliegen ist,
die philosophische Werke lesen und mit anderen darüber
diskutieren und unter Umständen sogar
versuchen entlang ihrer Erkenntnisse zu leben. Doch diese
sind nicht die Regel, sondern eher
Ausnahmen. Trotzdem hält sich die Meinung, „jeder
Mensch“ sei Philosophin/Philosoph die/der in der
Lage ist reflektierend zu erkennen, dass der Mensch vielleicht
doch noch aus mehr besteht als aus
Fleisch und Blut.
Aus diesem Grunde erscheint es mir folgerichtig, dass die
universitär ausgebildeten, oder „leibhaftigen“
Philosophinnen/Philosophen die sich für diesen Beruf
entschieden haben, kein Gefühl des Wertes, der Besonderheit
des eigenen Wissens entwickeln können, somit auch kein
Selbstwertgefühl und kein Gefühl für den Wert
der Philosophie haben, da ja jeder Mensch ein Philosoph/eine
Philosophin ist. Aus diesem Grunde – bitte beachten
Sie, dass das hier nur eine Hypothese ist – sind sie
auch nicht in der Lage, von einigen Ausnahmen abgesehen, selbstbewusst
in der Öffentlichkeit aufzutreten und das, was einst
Philosophie ausmachte, den heutigen Menschen in Erinnerung
zu bringen: Die Erziehung/Formung des Menschen zum Besseren/Guten
hin. Ansonsten müsste der Begriff Philo-Sophia, die Liebe
zur Weisheit, der Wunsch weise zu werden und weise zu handeln,
durch den Begriff „Weltbildwissenschaft“ (Wissenschaft
von den diversen Weltbildern) ersetzt werden.
Diese Bezeichnung würde dem entsprechen was heute darunter
verstanden, und auch von den
Philosophinnen/Philosophen selbst dargestellt wird. Man/frau
will nicht anecken, niemanden vergrämen,
niemanden auf das eigene Fehlverhalten verweisen – auch
sich selbst nicht – keine Wertedebatte
auslösen, ohne gleichzeitig zu betonen, dass das alles
nicht so einfach sei, denn die „liebe Vielfalt“
und die Milliarden von eigenen Lebensentwürfen und Weltbildern
…wie soll da eine, allen Menschen zum Leitbild dienende
Philosophie entstehen. Demzufolge müsste die Philosophie
eigentlich die einstige Bezeichnung „Orientierungswissenschaft“
abstreifen. Sie ist es nicht mehr.
In anderen Worten: Dieser eine Fehler, dem fatalen Bonmot
von Popper nichts entgegenzusetzen, evoziert nämlich
eine Reihe anderer Probleme, wie zum Beispiel die Meinungs-
und Urteilslosigkeit der Philosophinnen und Philosophen. Man/frau
deutet an, versteht alles und sagt eigentlich nichts, denn
es könnte ja einen Menschen oder eine Menschengruppe
verletzen, oder die eigene Meinung könnte gar als Urteil
verstanden werden.
Man/frau fürchtet schon die Nägel bevor noch das
Kreuz gezimmert ist.
Sie ist wahrlich zu dem geworden wie sie von vielen gesehen
wird: Zum privaten Vergnügen derer die das
Zitieren von Sprüchen mit Weisheit verwechseln.
Alle die jetzt denken, dass das pessimistisch ist, antworte
ich mit: Ja. Im Moment sehe ich keinen
unmittelbaren Anlass darin etwas Positives zu sehen, denn
wenn alle Menschen Philosophen sind, dann
braucht es keiner philosophischen Fakultät oder sonstiger
Formen philosophischen Unterrichts.
Denn im Grunde ist das die reinste Geldverschwendung und als
das wird es auch von vielen Menschen
gesehen. Und je mehr der Raubtierkapitalismus und der Sozialdarwinismus
als „Naturereignis“ gesehen
werden, dem kein Mensch mehr etwas entgegenzusetzen vermag,
desto logischer wird diese
Schlussfolgerung.
Wer hat eigentlich noch das Bedürfnis mit Philosophinnen/Philosophen
über das Leben generell und das
eigene Leben im Besondern zu diskutieren, wenn am Ende dabei
nur herauskommt: Ja und so hat jede/r
ihre/seine eigene Sicht auf die Welt und es wird mit der Globalisierung
immer schlimmer, weil vielfältiger.
Jede Gruppe, wie groß oder klein sie auch sein mag,
hat ihre eigene Ethik, und das gilt es als
ordentliche/r Philosophinnen/Philosophen selbstverständlich
zu achten. Jedes Volk, jeder Verband, jede
Gruppe, jede Firma hat ihre eigene Ethik, ja sogar die Verbrecherorganisationen
(!) haben eine eigene
Ethik Da gibt es dann keine Menschenrechtscharta, keine Verfassungen,
keine ethischen Werte im
klassischen Sinn mehr, weil selbst die Philosophie in ihrer
eigenen Vielfalt nicht mehr überschaubar und
auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen ist. Der einzige Nenner
der die vielen Philosophien
miteinander verbindet, ist die Erkenntnis dass die Vielfalt
der Lebensphilosophien, die eigentlich
Weltbilder sind, zu achten sind – jenseits von gut und
böse. Sich einmischen, zurechtrücken, be- und
nötigenfalls auch verurteilen ist nicht mehr Aufgabe
der Philosophie, es ist niemandes Aufgabe mehr. Es
ist mittlerweile sogar ein krimineller Akt ein Urteil zu fällen.
Das Wort Urteil an sich ist schon weitestgehend kriminalisiert,
entsprechend vorsichtig sind auch die
öffentlichen Kommentare. Man/frau will eigentlich zu
aktuellen gesellschaftlichen oder politischen
Ereignissen keine Stellung mehr nehmen, denn wir dürfen
nur mehr „tolerant“ sein und sonst gar nichts.
Vielleicht würde es helfen Popper kurzfristig aus dem
Philosophen-Himmel zu stürzen, aber eigentlich ist
es an der Zeit sich selbst einzugestehen, dass Weisheit kein
Ausdruck von „alles verstehen“ und alles
„tolerieren“ ist. Denn kein Mensch ist in der
Lage „alles zu verstehen“ und alles zu tolerieren.
Das sind nur
zwei von vielen „kleinen“ Lügen, mit denen
Philosophie verwechselt wird. Metis (gr. Göttin der Weisheit)
wurde zwar von Zeus, vom größten Bock den die Mythologie
zu bieten hat, verschluckt, aber klüger ist er
leider auch nicht geworden. Im Gegenteil, es war niemand mehr
da, der ihn Einhalt gebieten konnte. So
gesehen hat uns Popper in seiner Gutmütigkeit keinen
Gefallen getan, er hat die Orientierungswissenschaft zum „Fußball“
degradiert. Alle kicken darauf rum.
Und da wir alle keine Zeit mehr zu Lesen haben, komme ich
jetzt zum Schluss:
Alle Firmen die in ihrem Firmen-Profil das Wort „Philosophie“
verwenden (missbrauchen), um sich nach
außen hin darzustellen, sind aufgefordert sich zu überlegen,
ob sie dieser Bezeichnung auch gerecht
werden und worin das „Philosophische“ in ihrem
wirtschaftlichen Aktivitäten liegt.
Ja, die Philosophie ist tot, es lebe die Philosophie!
© Irmgard Klammer 2008
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