In der klassischen Antike war Arbeit für wohlhabende
Bürger – und vermutlich auch Bürgerinnen –
keine Tugend. Die Arbeit wurde von den Freigelassenen, Sklavinnen
und Sklaven verrichtet. Aristoteles bezeichnete diejenigen
Beschäftigungen als die niedrigsten, bei denen sich der
Körper am meisten abnutzt. (Vgl. Hannah Arendt, Vita
Activa, Piper, München 1987, S. 78) Nach Aaron J. Gurjewitsch
»ist der antike Bürger ein Krieger, ein Teilnehmer
an der Volksversammlung, an sportlichen Wettkämpfen,
religiösen Handlungen, er ist ein Besucher von Schauspielen
und gastfreundschaftlichen Gelagen – eine Persönlichkeit,
die sich außerhalb der Sphäre der materiellen Produktion
entwickelt.« (Aaron J. Gurjewitsch, Das Weltbild des
mittelalterlichen Menschen, Beck, München 1978, S. 248
) Voraussetzung für ein Bürgerleben ist Reichtum
und nicht physische Arbeit.
Physische Arbeit hatte in der Antike keinen religiös-sittlichen
Wert, sie wurde als sinnlos und abstumpfend empfunden. Nur
die Untätigkeit war würdevoll und tugendhaft. Der
freie Mensch nutzte die Dienste der Sklavinnen und Sklaven,
denn sie waren die Werkzeuge, die den Wohlstand garantierten.
Bis zum Mittelalter änderte sich diese Einstellung zur
Arbeit nur geringfügig in dem Sinne, dass das hierarchische
System differenzierter wurde. Die herrschende Klasse überließ
weiterhin den unteren Schichten die Produktionstätigkeit
und beschäftigte sich mit ritterlichen Heldentaten und
Krieg oder erging sich in Untätigkeit, die ebenfalls
zu den edlen Beschäftigungen zählte. Physische Arbeit
bedeutete auch im Mittelalter Leiden und Schmerz, das Schicksal
der Unfreien und Niedrigen:
»Das Christentum, welches das Prinzip ›wer nicht
arbeitet soll auch nicht essen‹ verkündete, brach
radikal mit diesen Einstellungen ... In der Arbeit begann
man den Normalzustand des Menschen zu sehen. Allerdings wurde
dieser Zustand nach der Lehre des Christentums nicht mit der
Erschaffung des Menschen zur Notwendigkeit, sondern infolge
des Sündenfalls: in der Arbeit sah man auch eine Strafe.
Wesentlich ist jedoch, dass die Untätigkeit zu den schwersten
Sünden gezählt wurde.« (Aaron J. Gurjewitsch,
Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen, Beck, München
1978, S. 249)
Die Position der Kirche war in der Frage der moralischen Bewertung
von Arbeit zwiespältig, denn Jesus selbst hatte nicht
gearbeitet, so auch seine Jünger nicht, denn ihr Lehrer
konnte sie ohne jegliche Arbeit ernähren. (Erinnert sei
an die Speisung von fünftausend Mann aus fünf Broten,
und ein andermal speiste er mit sieben Broten viertausend
Mann. Von Frauen und Kindern war dabei keine Rede.) »Der
Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen
Wort, das durch den Mund Gottes geht«, überlieferte
Matthäus. (Matthäus 4.4,5) Der Herr sorgte für
das Essen seiner Jünger, was ihnen zu tun blieb war,
sich um die geistige/irdische Erlösung und um das ewige
Leben zu sorgen.
Das kontemplative Leben, die Gerichtetheit zu Gott, stand
gegenüber der aktiven Arbeit höher, die Gottes Fluch
bedeutete.
»Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und
gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du
sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker
um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren
dein Leben lang.« (1. Moses 3.17)
Gottes Fluch lastete nicht auf allen seinen Untertanen, wie
Georges Duby nachweist. Im feudalistischen System wurde das
Vorherrschen von Ungleichheit als dem Universum immanent angesehen.
»Einige befehlen, andere müssen gehorchen.«
(Georges Duby, Die drei Ordnungen, Suhrkamp, Frankfurt am
Main 1981, S. 95) Die oratores, der klerikale Stand, und die
bellatores, die Krieger, waren die dominierenden Stände,
welche die dritte Bevölkerungsschicht, die Freien, Hörigen
und Leibeigenen führte.
Noch eine andere Teilung durchzog – und durchzieht heute
noch – die Arbeits- und Lebenswelt: Die geschlechtsspezifische
Teilung und die unterschiedliche Bewertung von Arbeit.
Wie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Spätmittelalter
durchgesetzt wurde, zeigt Wolf-Graaf auf, die diesem Phänomen
systematisch auf den Grund ging, und unter anderem darauf
hinweist, dass die irrige Vorstellung, Frauen wären im
Mittelalter die Sklavinnen der Männer gewesen, nicht
den Tatsachen entsprach. Vielmehr haben Frauen, auch wenn
sie den Männern rechtlich nicht gleichgestellt waren,
in allen Zünften gearbeitet. Sie trieben selbständig
Handel und standen auch in der Landwirtschaft selbstverständlich
ihre Frau. Das von ihr zusammengestellte Text- und Bildmaterial
liefert einen guten Überblick: Frauen als Bänkelsängerinnen,
im Silberbergwerk, beim Fischfang, als Braumeisterinnen, Postmeisterinnen,
bei der Papierherstellung, beim Flachshecheln, bei der Schafschur,
bei der Ernte, ebenso als Spinnerinnen, Metzgerinnen, Bäckerinnen,
Schneiderinnen, Schriftgießerinnen, Stecknadelmacherinnen,
Heffel- und Schellenmacherinnen, Seidenstickerinnen, Gold-wägerinnen,
Schmiedinnen, Äbtissinnen, Gürtlerinnen, Schuh-macherinnen,
Baumeisterinnen, Tuchhändlerinnen, Frauen im Groß-
und Fernhandel, usw.
»Die praktisch rechtliche Bewegungsfreiheit der Frauen
war zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert sehr groß.
Es bleibt jedoch festzuhalten, dass Frauen rechtlich nicht
vollständig gleichberechtigt waren. Deutlich ist auch
hervorzuheben, dass Frauen im ganzen Mittelalter (und lange
danach) keine politischen Rechte besitzen. Diese Tatsache
wird bei der Verdrängung der Frauen aus qualifizierten
Berufen noch eine verhängnisvolle Rolle spielen.«
(Anke Wolf-Graaf, Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit,
Heyne Verlag, München 1994, S. 39f.)
Die einschneidende Verdrängung der Frauen aus den Zünften
begann im 15. und 16. Jahrhundert durch Verschiebung bzw.
Veränderung der Absatzmärkte. Wesentliche Faktoren
waren die Entdeckung Amerikas, des Seeweges nach Indien, die
Eroberung Konstantinopels durch die Türken, die Entfaltung
des Verlagswesens*, Abgabenerhöhungen, Handelsbeschränkungen,
Erschwerung des Zuganges zu den Zünften, Ausbildungsverbote
und diverse frauenfeindliche Schriften wie zum Beispiel jene
von Luther, der sich anmaßte, über Frauen in ganz
übler Art zu schreiben. (*Das mittelalterliche Verlagswesen
ist nicht ident mit den heutigen Buchverlagen, sondern bedeutete,
dass die Rohstoffe nicht mehr von den Betrieben selbst gekauft,
sondern von Händlern gegen fertige Produkte, zu sehr
niedrigen Preisen, zur Verfügung gestellt wurden. Aus
den autarken Handwerksbetrieben wurden dadurch Zuarbeitsbetriebe.)
»Denn eyn weibsbild ist nicht geschaffen jungfrau tzu
syn, sondern kinder zu tragen ... Ob sie sich aber auch müde
und zuletzt (daran) todt tragen, das schadt nicht, laß
nur todt tragen, sie sind darum da.« (Anke Wolf-Graaf,
Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit, Heyne Verlag,
München 1994, S. 206)
Luther stellte sich damit auch gegen die weiblichen Lebensgemeinschaften
in den Klöstern und Beginenhöfen, die meist sehr
erfolgreiche und autonome Zentren wirtschaftlicher Aktivität
waren. Zur Verdrängung der Frauen aus den Zünften
trugen nicht nur Luthers Attacken und die Frauenfeindlichkeit
des katholischen Klerus, sondern auch der Sozialneid der männlichen
Zunftmitglieder – der auch in physische Übergriffe
ausartete – bei. Nicht nur die physischen und mentalen
Übergriffe, sondern auch der Mangel an politischen Rechten
machte es möglich, die Frauen aus der Wirtschaft und
Öffentlichkeit zu verdrängen:
»… dass sowohl die politische Vertretung der Zünfte
(selbst in den reinen Frauenzünften) wie die politische
Macht der Räte ausschließlich in den Händen
von Männern liegen. So ist es ihnen möglich, Anordnungen
und Gesetze zu erlassen, die Frauen immer weiter aus den Handwerken
ausschließen. Ihr wirtschaftliches Ansehen und ihr zum
Teil hohes Einkommen nützen den Frauen in dieser entscheidenden
Situation nichts. Was ihnen fehlt, sind politische Rechte
und eine entsprechende Interessenvertretung. Mit der Fürsprache
einiger Stadträte zugunsten der Frauen ist es am Ende
des 16. Jahrhunderts vorbei. Zu diesem Zeitpunkt werden selbständige
Meisterinnen in fast keinem Handwerk mehr erwähnt.«
(Anke Wolf-Graaf, Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit,
Heyne Verlag, München 1994, S. 105)
Das Hinausdrängen der Frauen aus dem Berufsleben, bedingt
durch wirtschaftliche und sozialpolitische Veränderungen,
war keine einmalige Angelegenheit. Noch deutlich in Erinnerung
ist die Situation nach den beiden Weltkriegen, als die Männer
von der Front heimkamen und ihr Recht auf Arbeit als Familienernährer
geltend machten. Plötzlich waren die von Frauen jahrelang
durchgeführten Arbeiten zu schwer, zu gefährlich
und der Rolle als Frau und Mutter unwürdig. Um den Schutt
der zerbombten Häuser aufzuräumen, waren sie allerdings
stark genug, denn dies war unbezahlte Arbeit. Und wo es um
unbezahlte Arbeit geht, gibt es auch keine Diskussion darüber,
ob die Arbeit vielleicht zu schwer ist oder warum sie überhaupt
unbezahlt ist.
Das willkürliche Aussperren der Frauen von den Produktionsstätten
und damit auch von der Möglichkeit durch eigene Erwerbsarbeit
zu leben, hatte nie etwas mit ihren körperlichen Kräften
zu tun. Mann wollte den Markt nicht mit ihnen teilen und damit
auch eine eigenständige Reichtumsbildung – in relativen
Verhältnissen – und Unabhängigkeit verhindern.
Reichtum wurde generell von der katholischen Kirche moralisch
verurteilt. Als Beispiel für ihre Heuchelei im großen
Maßstab tat sich Nicolaus Cusanus (1401 – 1464)
hervor: Mit 29 Jahren zum Priester geweiht, diente er sich
dem Erzbischof von Trier als Sekretär an, nach dem Motto,
wenn du etwas werden willst, musst du im Blickfeld eines Mannes
stehen, der schon etwas ist. Er bekommt eine pfründereiche
Diözese zugewiesen und lernt schnell – wie viele
andere Gottesmänner – das Handwerk des Ausbeuters
und Pfründevermehrers. Ein paar Jahre später ist
er ein reicher Mann. Die Antwort auf die Frage, ob es Gottes
Wille sei, wenn sich sein Reichtum türme, fiel ziemlich
armselig aus: Cusanus weist darauf hin, dass er einen sehr
schlichten Lebenswandel führe und den Armen ohnehin Almosen
zukommen ließe. (Vgl. Paul-Heinz Koesters, Deutschland
deine Denker, Goldmann Verlag, Hamburg 1980, S. 16)
Bis zu seinem Tode raffte Cusanus zu seinem Vermögen
zusätzliche Reichtümer hinzu, so dass sogar seine
Mitbrüder, die in dieser Hinsicht keineswegs zimperlich
waren, mit dem abstoßenden Charakterzug ihres Bruders
nicht mehr zurechtkamen und es daher ablehnten ihn heilig
zu sprechen.
Kehren wir wieder zurück zur Arbeit. Christliche Nekropolen
dokumentieren in besonderer Deutlichkeit, welche Bedeutung
Arbeit für das gemeine Volk in den letzten Jahrhunderten
hatte. Aus diversen Sprüchen auf den Grabsteinen lässt
sich diese Haltung noch ablesen: Nur Arbeit und Mühsal
war ihr Leben, Gott mag ihr nun ein sanftes Ruhekissen geben.
Schwere und harte Arbeit war der eigentliche Sinn des Lebens,
denn ein akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft ist nur, wer
hart arbeitet. Das hat sich bis heute nicht geändert,
wobei die Definition von harter Arbeit den modernen Berufen
angepasst wurde, und somit auch ein Mensch mit Schreibtischberuf,
der 18 Stunden am Tag arbeitet, als hart arbeitender Mensch
wahrgenommen wird. Aber wirkliche Achtung erfährt nur,
wer zusätzlich noch ein Haus baut oder nebenbei im Pfusch
dazu verdient.
Die katholische Arbeits-Hypothek, die wir immer noch nicht
abbezahlt haben, besteht aus folgenden Denkmustern:
1. Arbeit muss hart sein, sie ist die Strafe Gottes für
die Erbsünde.
2. Unterordnung ist gottgegeben.
3. Reichtum ist unmoralisch.
4. Nur wer schwer arbeitet, hat eine Existenzberechtigung
und darf auch essen.
Es haben sich zwar in der westlichen Kultur die Arbeitsbedingungen
verändert, aber unsere Einstellung zur Arbeit ist noch
stark rückwärtsgewandt und eine Mischung aus katholischer
und protestantischer Arbeitsmoral. Ebenso sind unsere inneren
Wertvorstellungen zum Thema Reichtum, Reichsein und Reichsein-Dürfen
religiös geprägt. Nur was materiell sichtbar erschaffen
wird, hat Wert, hat Bestand und wird als Erfolgs-Bestätigung
gesehen. Dabei arbeiten wir schon lange nicht mehr, um eine
Hungersnot abzuwehren, sondern weil wir glauben, uns vor der
Gemeinde, vor der Familie, den Bekannten, der Gesellschaft
beweisen zu müssen. Das macht Stress und gleichzeitig
Druck und Misslaune in der Arbeit. Wir sehen Arbeit nicht
als schöpferischen Akt, sondern als Muss und als Leistungsnachweis.
Die Wurzeln des Leistungsdenkens liegen zwar in der katholischen
Arbeitsmoral begründet, zur Verfeinerung und Ausreifung
jedoch brachten es die von der katholischen Kirche abgespaltenen
protestantischen, calvinistischen und puritanischen Religionsgemeinschaften.
Vorher gab es noch eine relativ strenge Linie zwischen Arbeit
und Privatleben, bei den Calvinisten und Puritanern hingegen
griff die Strenge auch ins Privatleben über.
Das Leistungsdenken, die Pflicht zur Rechtschaffenheit, verdanken
wir dem Gründer der calvinistischen Ethik, Johannes Calvin
(1509 – 1564). Er bekannte sich zur lutherischen Reformationsbewegung,
seine Lehre unterschied sich aber von der Lehre Luthers durch
eine strengere Glaubens- und Sittenlehre. Auf Ehebruch und
Untreue stand die Todesstrafe, Zerstreuungen wie Tanz, Theater,
Karten- und Würfelspiele waren untersagt, Privatleben
und Kinder-Erziehung streng reglementiert. Von Calvin stammt
auch die abgewandelte Prädestinationslehre, die besagt,
dass Gott nur wenige Menschen zum Heil bestimme, was sich
schon in ihrer irdischen Existenz in Form von wirtschaftlichem
Erfolg zeige. Dies führte bei den Calvinisten zu enormen
wirtschaftlichen Aktivitäten und gesteigerten persönlichen
Anstrengungen, denn jeder wollte von Gott erwählt sein.
Der Calvinismus prägte nicht nur die reformierten Kirchen
wie die der Puritaner nachhaltig, sondern auch die wirtschaftliche
und soziale Entwicklung Westeuropas und Nordamerikas. Viele
Calvinisten und andere reformierte Religionsgemeinschaften
wanderten aufgrund kirchlicher und staatlicher Verfolgung
um 1600 nach Nordamerika aus und führten damit auch auf
diesem Kontinent eine neue Wirtschaftsethik ein, die bis heute
Gültigkeit hat.
Der asketische Grundcharakter der Calvinisten verstärkte
die Grundhaltung des Alten Testamentes und weitete die Askese
und Selbstkontrolle auf das Alltagsleben aus. Jede Handlung,
jeder Gedanke sollte einer konstanten Selbstkontrolle unterzogen
werden. Sinnlichkeit und Lebensfreude galten als gottunwürdiges
Verhalten, die planmäßige Reglementierung des eigenen
Lebens als erwünscht. Hatten die asketischen Ideale der
Selbstversagung, Unterdrückung des eigenen Willens und
das reglementierte Verhalten im katholischen Leben speziell
für Ordensleute gegolten, wie zum Beispiel die Regeln
des Hl. Benedikt ora et labora (bete und arbeite) –
nach genau geregelten Zeiten –, wurden sie im Protestantismus
für jeden Einzelnen und jede Einzelne gültig. Weltlichen
Genüssen zu entsagen war bei den Protestanten nicht auf
die Klosterzellen beschränkt und arbeitsteilig wie in
der katholischen Kirche geregelt, sondern für alle Menschen
verpflichtend. Mit den Calvinisten wurden das Leben und selbstverständlich
auch die Arbeit zum Selbsterziehungs- und Selbstkasteiungsprogramm.
Wie oben schon erwähnt wurden der Calvinismus und der
ihm nahe stehende Puritanismus prägend für die wirtschaftliche
und soziale Kultur Nordamerikas und Westeuropas.
Bücher füllende Anleitungen mit Tabellen und Weisheiten
zum erfolgreichen Benimm, Handlungsmaximen zum Thema Wie werde
ich erfolgreich? und Weisheiten zur Lebensplanung sind in
der heutigen Wirtschaft ein Muss. Ein Beispiel mag veranschaulichen,
woher wir unsere heutige Vorstellung vom Erfolg und zeitgemäßen
Zeitmanagement haben. Benjamin Franklin (1706 – 1790),
bekannt als Erfinder des Blitzableiters und erfolgreicher
amerikanischer Politiker, Naturwissenschafter, Geschäftsmann
und Schriftsteller, stellte in seiner Autobiografie einen
Tugendkatalog auf, der die Ausbildung der Persönlichkeit
zum Ziel hatte und Anleitungen gab, den Lebensstandard zu
verbessern. Reichtum war nicht wie beim Adel etwas Ererbtes
und Selbstverständliches, es bedurfte für das aufstrebende
Bürgertum einer neuen säkularisierten Moral, welche
den persönlichen Erfolg legitimierte und als erstrebenswert
darstellte.
Franklin entwarf in seiner Autobiographie, Kapitel 8, einen
Zeitplan und eine Tugendtabelle, mit deren Hilfe er sein persönliches
Tugend- und Zeitmanagement verwaltete und kontrollierte. Im
Tugendkatalog vergab er von Sonntag bis Samstag Punkte, falls
er eine der Tugenden übertreten hatte. Die Tugenden waren:
Mäßigkeit, Schweigsamkeit, Ordnung, Entschlossenheit,
Genügsamkeit, Fleiß, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit,
Mäßigung, Demut, Reinlichkeit, Gemütsruhe,
und Keuschheit. Wurde gegen eine Tugend am Tag zweimal verfehlt,
so wurden zwei Punkte eingetragen.
Zusätzlich entwarf er eine Zeittabelle, in der die Stunden
des Tages und die planmäßigen Gedankenreflexionen
und Aktivitäten verzeichnet wurden. Der Morgen wird mit
folgender Frage begonnen: Was werde ich heute Gutes tun? Der
Abend wird ebenso mit einer Frage beschlossen: Was habe ich
heute Gutes getan? Zwischen 5 und 7 Uhr steht: Steh’
auf, wasche dich, bete zum Allmächtigen! Richte dir das
Geschäft des Tages ein und fasse deine Entschlüsse
für denselben, setze das jeweilige Studium fort und frühstücke.
Von 8 bis 11: Arbeite. Von 12 bis 13: Lies oder prüf
deine Geschäftsbücher, iss zu Mittag. Von 14 bis
17: Arbeite. Von 18 bis 21: Bring alle Dinge wieder an ihre
Stelle. Nimm das Abendbrot ein. Unterhalte dich mit Musik,
Lesen, Gespräch und Zerstreuung. Prüfe den verlebten
Tag. (Vgl. Paul-Heinz Koesters, Deutschland deine Denker,
Goldmann Verlag, Hamburg 1980, S. 16)
Mit dem modernen Zeit- und Arbeitsmanagement ist es ähnlich
wie mit der Psychoanalyse: Beide haben ihre Wurzeln in Europa,
wurden nach Amerika exportiert, dort weiterentwickelt und
perfektioniert und wieder nach Europa zurückimportiert.
Fast alle Berufstätigen führen heute einen Zeitplaner
(Kalender/Timer). Die einen mit mehr, die anderen mit weniger
Akribie. Und alle sind sich einig: Ohne Planung kein beruflicher
Erfolg. Auch John D. Rockefeller (1839 – 1937), amerikanischer
Ölmilliardär und Baptist puritanischer Prägung,
legte täglich Rechenschaft ab und kontrollierte seine
Wünsche in der Hoffnung, Spontaneität und Unberechenbarkeit
aus seinem Leben zu verbannen. (Vgl. Ron Chernow, John D.
Rockefeller, Börsenverlag, Rosenheim 2000, S. 44)Genau
dagegen verwehren wir uns heute immer mehr.
Die paradoxe Situation besteht für uns darin, dass uns
die religiösen Hintergründe kaum oder gar nicht
mehr bewusst sind. Es fehlt uns daher der innere Antrieb,
der noch mit den religiösen Zielen verbunden war. Daher
sind wir heute mehr denn je auf der Suche nach alternativen
Motiven und nach Motivation, die uns helfen, Arbeit neu zu
begreifen. Arbeit wird von den meisten Menschen als ein lästiges
Muss gesehen, als etwas das getan werden muss, um zu überleben,
aber nicht als etwas, das mit einem höheren Ziel verbunden
ist, auch wenn es religiöser Natur ist.
Die calvinistische Arbeitsmoral war mit einem höheren
Ziel verbunden, und zwar zu den von Gott Erwählten zu
zählen, denn wen Gott erwählte, dem verlieh er Glück
und Wohlstand auf Erden. Die calvinistische Bewegung wurde
im Laufe der Jahrhunderte säkularisiert. Daraus entstand
die moderne Erfolgsmentalität die besagt: Du hast es
selbst in der Hand, erfolgreich auf Erden zu sein, wenn Du
zielorientiert und kontrolliert deinen Tagesgeschäften
nachgehst. Eine moderne Fassung von Franklins Zeitgerüst
und Tugendkalender nennt sich heute zum Beispiel bei Lothar
J. Seiwert, dem Zeitmanagementguru unserer Tage, persönliches
Erfolgs-Tagebuch und Zeitplanbuch – um noch effektiver
zu werden.
Wir wollen heute immer noch Leistung und wirtschaftlichen
Erfolg aufweisen. Wir folgen damit dem strengen Tugend- und
Zeitkorsett der letzten 450 Jahre, ohne den Sinn einer solchermaßen
organisierten Arbeit zu hinterfragen. Wir hinterfragen nicht,
sondern wir artikulieren unseren Unmut eher mit dem Ausspruch:
Warum muss ICH überhaupt arbeiten um leben zu können?
Dahinter verbirgt sich nicht Arbeitsunwilligkeit, sondern
eher ein Protest gegen die Arbeitsbedingungen und gegen die
alte wie neue Leistungs- und Erfolgsgesellschaft. Erst langsam
sickert eine neue Arbeitseinstellung durch, die uns nachdenken
lässt, ob es statt Leistungsdenken nicht bessere Orientierungen
und Motivationszutaten geben könnte, wie zum Beispiel
die Frage nach Wohlbefinden und Sinngebung, das Wissen gebraucht
zu werden, die Möglichkeit kreativ und musisch zu sein
und zu wissen, dass Arbeit uns ermöglicht, am gesellschaftlichen
Leben teilzunehmen. Arbeit erschöpft nicht nur, sondern
sie lässt uns auch lebendig fühlen, sie ermöglicht
uns unsere körperlichen, geistigen und emotionalen Kräfte
einzusetzen, sie bietet Herausforderung und schafft Zufriedenheit,
wenn uns etwas gelingt, sie bietet Erkenntnisgewinn, persönliches
Wachstum und Geld. Zwischen Arbeit und Glück existiert
ein dickes Band: Glück ist auch etwas, das wir durch
sinnvolles Tätigsein erleben, durch Gelingen kommen wir
zur Bedeutung von glücken: Glück kommt von Gelingen.
Es ist vor allem ein Zustand, in dem wir uns befinden, und
nicht eine statistische Erfolgsbilanz.
Zusätzlich zu den oben angeführten Motivationszutaten
für eine erfüllende Arbeit gehören auch Freude
am Tun, persönliche Visionen und Ziele.
Aus: Klammer/Bauer, Denken entlang des Herzens, BOD 2004
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