Irmgard Cornelia Klammer 2001
Vor einem Jahr war ich noch der Überzeugung, eine neuartige gesellschaftliche
Irritation ausgemacht zu haben, dessen Verschlagwortung andere bereits erledigt
hatten: Von Medien verursachte Einsamkeit.
Ich musterte mein Leben, suchte an allen Ecken und Enden nach Bestätigung
und war mir beinahe sicher, einem Phänomen auf der Spur zu sein, dessen
Auswirkungen wir noch gar nicht abschätzen können. Plötzlich
waren Fragen aktuell wie in etwa:
Haben uns die Maschinen in den letzten Jahren soviel
humane Energie und Zuwendung abgezogen, dass wir nun der Verwahrlosung unserer
sozialen Kontakte gegenüberstehen?
Oder:
Sind wir zu überheblich und zu individualistisch
geworden, dass wir einander nur mehr in den Kreisen der Wahlverwandtschaften
aushalten,
oder: haben wir Wesentliches übersehen und verwechseln zum Beispiel, Bequemlichkeit
mit Einsamkeit.
Oder:
Haben wir generell eine kleine, kollektive Liebeskrise?
Als prognostiziertes Beispiel, um zu verdeutlichen, wohin Bildschirmsitzerei
ausufern kann, wurden gerne die japanischen Otakus herangezogen. Die Otakus,
so sagte man, arbeiten nicht nur Tag und Nacht, sondern leben mit dem Computer
und treten mit der Außenwelt nur über das Interface in Kontakt.
Auch wenn wir die Existenzform der Otakus emotional ablehnten, sie als extreme
Reaktion auf die IT (Informationstechnologie) kennzeichneten, waren wir innerlich
leicht angeknackst, denn wenn ein Extrem besonders ausgestellt wird, scheint
das adäquate Mittelmaß noch nicht gefunden worden zu sein.
Doch die Zeiten ändern sich und manche Probleme erledigen sich dann auch
wie von selbst. Über die Otakus oder den einsamen Kämpfern redet heute
kaum noch jemand, denn "the lonely fighters (die einsamen Kämpfer)",
die in irgendeiner Wüstenoase, am Nordpol oder in einer Wohnbox, ausgerüstet
mit einem Notebook, ihre Nachrichten über Satteliten empfangen und senden,
sind nicht die Vorboten unseres zukünftigen Daseins: the lonely crowd (die
einsame Masse), sondern einfach nur Exzentriker, wie es Old Shatterhand und
Lederstrumpf auch schon waren. Ihre mönchische Isolation ist selbstgewählt,
und vermutlich sind sie eher eine moderne Erscheinung der monastischen Bewegungen
(monarchos, gr.: einsam, ein Einzelner, mönchisch, Mönchtum), denn
die ersten Vorläufermodelle unserer Zukunft.
Weltflucht zu den Rechnern?
Das Lernergebnis ist, dass mensch mit Zukunftsprognosen etwas realistischer
umgehen sollte, denn sie offenbaren sich allzu oft als Blaupausen phantastischer
Gegenwartsliteratur. Manchmal basieren sie sogar auf gezielten Werbebotschaften
und des öfteren sind sie Ergebnisse von Studien. Wer an Studien mitgearbeitet
hat weiß mit Sicherheit, dass in sie auch die jeweilige Weltsicht und
die momentane Entwicklungsstufe der Verfasser/innen mit hineinverarbeitet sind.
Daraus folgt, dass Studien wie auch viele andere wissenschaftlichen "Befunde"
Momentaufnahmen sind, ohne daraus den Anspruch auf Allgemeingültigkeit
ableiten zu können.
Die Frage betreffend, ob die soziale Isolierung durch das Internet bzw. den
neuen Medien zunehme, ist unterschiedlich belegt. Die einen sagen ja, die anderen
beschwören das Gegenteil.
Das Trendbarometer zum Thema "Einsamkeit durch neue Medien" schwankt
also zwischen beiden Extremen. Unabhängig davon: Der Mensch ist ein Herdentier.
Das heißt, diese Art der Weltflucht - Computer statt Familie und FreundInnen
- setzt mehrere Eigenschaften bzw. Einstellungen voraus, die der Durchschnittsmensch,
der eher zum Hedonismus, denn zum Purismus und zur sinnlichen Verknappung neigt,
ablehnt.
Das Cocooning (Einpuppen, engl. cocoon, Puppe) der 90er Jahre, das wir allgemein
als Ausdruck soziokultureller Begleiterscheinungen der Geräteinvasion in
das private Umfeld und in den Arbeitsbereich gesehen haben, ist schon längst
abgeklungen. Die meisten haben das Schneckenhaus wieder verlassen, oder sich
darin sehr gemütlich eingerichtet, ohne die sozialen Kontakte dabei aus
den Augen zu verlieren.
Das Einpuppen war aus mehreren Gründen eher eine Art von Reflex und noch
keine richtige Fluchtbewegung aus der Gesellschaft hinaus.
Vorerst unbegriffen wurden wir damals von Politik, Wirtschaft und Medien "sanft
forciert" uns das Wesen der modernen IT zu Gemüte zu führen.
"Sanft forciert" ist natürlich eine äußerst charmante
Umschreibung für Panikmache, die diese Zeit geprägt hat: Die meisten
IT-Apostel fühlten sich bemüßigt die "Zukunft" mit
rhetorischen Drohgebärden herbeizuzwingen: "Wer nicht lebenslang lernen
will, verpasst den Anschluss an die Zukunft", oder: "Wer nicht online
geht ist schon verloren, ist ein Loser" (Join or die), oder: "Wer
sich dagegen stellt, stellt sich gegen Fortschritt, Arbeit, Wohlstand!".....
"Kritiker sind Bremser", etc.
Doch weder Österreich noch Europa gingen auf Grund technikkritischer Menschen
vor die Hunde. Dieser Umstand wäre auch genug Anlass dafür, dass wir
in Zukunft auf derartige Negativismen verzichten und eigentlich lernen könnten,
zwischen Überreibung, Angstpropaganda, Technikphobie und Technikfolgenabschätzung
zu unterscheiden, denn: Wir werden auch in Zukunft nicht ruinös wirtschaften,
im Gegenteil, gefährdet sind nur Wirtschaften, in denen keine Kritik erlaubt
ist. Mittlerweile haben sich die Apologeten der IT mit ihren teilweise marktschreierischen
Methoden, wieder beruhigt. Denn neben all dem sonstigen Getöse um die neuen
Medien evozierte auch der Lärm der Panikmacher und das permanente Rauschen
der "magischen Kanäle" (McLuhan), das Bedürfnis nach Rückzug
in die privaten Schneckenhäuser, die ja auch Paradiese sein können.
Lernergebnis
Weil der Technik nachgesagt wird, sie sei irreversibel und weil die Technophobie
bei den meisten Menschen letztendlich geringer ist als die Neugierde, entschlossen
wir uns
1. "einigermaßen" zu lernen, die Geräte zu bedienen, d.h.
aus welchen Bestandteilen sie bestehen (Hardware) und wie die Programme (Software)
funktionieren.
2. Wollten wir uns natürlich die virtuellen Welten ansehen und herausfinden
was dahinter steckt.
Dann aber stellten wir nach und nach fest, dass der Computer ein Zeitfressschwein
ist. Angeblich soll er sie - die Zeit - sogar sparen, aber im Gegensatz zu den
ordinären Sparschweinen, sammelt er die Zeit nicht wie Münzen und
kann sie daher auch bei Bedarf nicht wieder ausschütten.
Aber der Betrug mit der Zeitersparnis war zu dieser Zeit, als das "Lebenslange
Lernen" verordnet wurde, keine virulente Frage. Wir mussten uns also "weiterbilden",
doch Weiterbildung - in diesem Fall handelte es sich vor allem um die Aneignung
technischem Know-hows und dem dazugehörigen Vokabular - kostet nicht nur
Geld, sondern auch viel Zeit. Diese Zeit, die wir früher mit anderen, möglicherweise
mit mehr sportlichen oder musischen Aktivitäten zubrachten, musste nun
in die neuen Geräte investiert werden.
Wie immer wir dies im einzelnen auch bewerten, genaugenommen tun wir das immer
noch. Im psychologischen und soziologischen Jargon würde das heißen:
Wir haben den "Umgang" mit den Geräten habitualisiert. Wir fürchten
sie immer noch - mehr oder weniger - weil Novitäten und Innovationen immer
Angst erzeugen und Gewohnheiten verdrängen, trotzdem haben wir ihnen Platz
in unserem Alltag eingeräumt.
Dieser Aneignungsprozess dauerte zirka 5-6 Jahre, gerechnet ab 1992, als die
erste große Computing- und mit ihr die Esoterikwelle (als Religionsersatz
für den technisch aufgeklärten Menschen) auf Europa zuflutete.
Die Zeit, die wir brauchten - und durch die Rasanz der Innovationen eben immer
noch brauchen - uns mit der neuen (Kultur-)Technik vertraut zu machen, haben
wir zwar nie zurück gewonnen, doch darüber hinaus stellten sich mehrere
positive wie auch negative Nebeneffekte ein:
a. Wir sind klüger (Knower), aber auch gestresster
(keine Zeit für nichts mehr),
b. weltoffener (Demokratisierung und Mulitkulti), aber auch selbstbewusster
(und egozentrischer),
c. kritischer (selektiver), aber auch gleichgültiger (Gewohnheitseffekt),
d. wählerischer (Qualitätsbewusstsein), aber auch urteilsloser (alles
ist möglich),
e. schneller (ungeduldig), aber auch bequemer (browsen statt laufen) und in
Folge
dessen starrer (Haltungsschäden) geworden.
Diese Aufzählung ist natürlich inkomplett und unsystematisch, kann
daher mit Sicherheit noch seitenweise ergänzt werden. Die Schnelllebigkeit,
um ein Beispiel herauszugreifen zähle ich nicht zu den großen Errungenschaften
die die Technik evoziert hat, denn sie ist immer gepaart mit der Ungeduld. Ungeduld
aber ist keine Tugend, sondern ein Sargnagel ein Eckpfeilern der Tyrannei und
darüber hinaus lässt sie die Bücher links liegen. Ungeduldige
Menschen haben bekanntlich keine Zeit zum Lesen.
Die Geschichte von Freund namens Buch
Als ich 13 Jahre alt war, stellte uns in der Schule die Deutschlehrerin folgende
Frage: Was ist ein Buch? Wir tüftelten eine zeitlang herum, doch keine
unserer Antworten - wie zum Beispiel, es informiert uns, unterhält uns,
ist ein Nachschlagewerk - schien die Lehrerin zufriedenzustellen. Bis endlich
Ida, eine Mitschülerin, die passende Antwort fand: „Ein Buch kann
auch ein Freund sein“, sagte Ida.
Damals fand ich diesen Vergleich ziemlich übertrieben.
Wie kann ein Buch Freundschaften ersetzen? Freundschaften brauchen zwar Pflege,
Aufmerksamkeit und Zeit, gelegentlich heißt es auch "kannst du nicht
das Sofa mal zu Mutti transportieren, der Kasten müsste auch..." ,
aber der eigentliche Grund Freundschaften zu suchen ist das Bedürfnis nach
emotionalem Austausch mit Gleichgesinnten und Verstandenwerden.
Als dann in den 90er Jahren ein elektronisches Gerät (Fax, Anrufbeantworter,
Computer, Modem, Drucker, Scanner, Handy...) nach dem anderen in den Haushalt
einzogen, und teilweise sogar namentlich "getauft" wurden, fiel mir
Idas Antwort wieder ein. Doch ich will’s immer noch nicht glauben: Die
Maschinen haben zwar, wie die Bücher, unsere Aufmerksamkeit erobert, sind
nicht nur Kommunikationshilfsmittel, sondern selbst schon KommunikationspartnerInnen
geworden, aber kann mein Computer auch mein Sofa transportieren?
Die ganze Geschichte ist natürlich ein Trugschluss.
Genauso wenig wie Idas Bücher ihr je geholfen haben ein Sofa zu transportieren,
wurden die Computer erfunden, damit wir sie in unseren Freundeskreis integrieren
und ihn damit vergrößern können. Und genauso wenig werden Freundschaften
mit Menschen geschlossen um bei passender Gelegenheit eine/n Sofa-Transporteur/in
bei der Hand zu haben.
Trugschluss auch deshalb, weil ein Buch, wie die Informations- und Kommunikationstechnologien,
nur ein Medium ist. Nicht das Buch ist die Freundin/der Freundin, bestenfalls
stimmt der Inhalt des Buches "freundlich", werfen die LeserInnen auf
den/die Verfasser/in freundschaftliche Gefühle zurück.
Dasselbe gilt auch für das Netz und dessen Endgeräte: Wenn niemand
Inhalte (Content) reinstellt, die uns "ansprechen" ist auch das Medium
überflüssig.
Letztendlich war und ist es ja das Bedürfnis nach "Inhalt" (auch
Innehalten können) und Information das uns zu den Medien greifen ließ/lässt.
Jedes Medium hat seine eigene Qualität. Ein Buch eröffnet die Möglichkeit
in ein Zwiegespräch mit sich selbst zu treten und ungestört die eigenen
Gedanken und Phantasien zum Inhalt des Buches zu kultivieren, wenn wir übers
Netz kommunizieren, treten wir mit der Außenwelt in Kontakt und beziehen
uns auf die dort angebotenen Inhalte - Texte, Bilder, etc.
Folgerichtig müssten nun die mittelalterlichen Texte die nach Gutenberg
geschrieben wurden, darauf durchforstet werden, ob mit dem Buchdruck das Phänomen
der Einsamkeit durch das neue „Medium Buch“ auch damals um sich
gegriffen hat.
Genaugenommen müssten wir schon viel früher ansetzen: Wie erging es
wohl den Mönchen und Nonnen in den Abteien, Klöstern, etc., die ihr
ganzes Leben damit zugebracht haben, Buchstaben für Buchstaben nachzuschreiben
und zu kopieren?
Auf diese Frage müsste natürlich die nächste folgen: Wie erging
es denn all den Menschen, die weder lesen noch schreiben konnten und nur auf
mündliche Berichterstattung angewiesen waren? Wie einsam müssen sie
wohl gewesen sein?
Fazit: Einsamkeit existiert wahrscheinlich schon seit es Menschen gibt. Die
einen meiden sie, die anderen suchen sie, mal mehr, dann wieder weniger, unabhängig
vom technischen Standard, der sie umgibt.