Schicksals – und Liebesgöttinnen
Text aus: Irmgard Klammer, Orakel, Medien der Antike - Praxisformen der antiken Medien und ihr Einfluss auf die abendländische Kultur
In der Antike treten die Vorstellungen von Schicksal und Gerechtigkeit zusammen
auf, d.h. Schicksal und Gerechtigkeitsempfinden waren eng verbunden. Die Göttinnen
des Schicksals vertraten zugleich die Idee der Gerechtigkeit und des rechten
Maßes. Sie sind auch die Göttinnen der Liebe und des Ausgleichs.
Die Göttinnen, die den rechten Anteil zumessen und für Ordnung sorgen,
sind zumindest immer miteinander verwandt.
Die älteste Schicksalsgöttin ist Aphrodite Urania (Ourania). Plutarch
erwähnt sie bei seiner Aufzählung der Tempel in Athen und fügt
bei, dass beim Aphroditetempel eine Statue der Göttin stand, auf dem sich
folgende Inschrift fand:
„Die Inschrift besagt, dass die Aphrodite Ourania die älteste der
so genannten Moiren sei.“ (1)
Ist es nicht seltsam, dass Aphrodite, die als Göttin der Liebe bekannt
ist, eine Schicksalsgöttin ist? Sicher, wenn zwei Liebende sich finden,
halten wir das für Schicksal. Wir halten es für eine Bestimmung, für
einen Ratschluss der Göttin Aphrodite. Aber ist das gerecht? Oder Glück?
Oder Fügung? Oder ein Verdienst?
„Von der eigebornen Aphrodite heißt es bei Hygin (fr. 197), sie
habe durch iustitia und probitas sich vor allem ausgezeichnet.“(2) Bachofen
vertritt die Ansicht, dass die Menschen nach dem Mutterrechte gleich frei seien.
Der Liebesaspekt und die Gerechtigkeit ergeben sich aus der Vorstellung der
liebevollen Zugewandtheit der Göttinnen.
Wir stellen uns heute die Schicksalsgöttinnen nicht als heitere, ausgelassene
und liebevolle Göttinnen vor. Im Lauf der Zeit setzten sich die Vorstellungen
der Launenhaftigkeit, des Wankelmutes, der Strenge und Unerbittlichkeit durch.
Wie kam das? Wie wurde aus einer Liebesgöttin, die über das Schicksal,
Recht und Ordnung wachte und für Gerechtigkeit sorgte, eine unberechenbare,
launenhafte Göttin?
Vom Schicksal(-sbegriff) blieb nur hängen, dass es (er) fatalistisch ist,
nicht aber, dass das Schicksal gerecht ist und jedem Menschen seinen angemessenen
Anteil zuteilt.
Mit dem aufkommenden Christentum wurden auch die Weissagungen untersagt und
der Niedergang der Orakelstätten eingeleitet. Im römischen Wort fatum
konnte noch ausgedrückt werden, dass es sich hierbei um einen Götterspruch,
um eine Weissagung, um das Schicksal, um ein Geschick, um den Tod oder um ein
Missgeschick handelte. Die fatua war eine Weissagerin, die das Schicksal verkündete.
Die einseitige Bedeutung des Unheils und der Unausweichlichkeit einer Situation
hat sich offenbar erst mit dem Christentum durchgesetzt.
Eng verwandt mit Aphrodite ist Nemesis. Nemesis wurde hymnisch gepriesen als
kosmische Schicksalswalterin. Ihre kultische Verehrung reichte von Kleinasien
über Griechenland bis in den Donauraum. Sie galt als Tochter der Nacht,
der Nyx. Zu den Menschen kommt sie im Schlaf und rührt an ihr Gewissen.
In der Stille lässt sich das unrecht Getane nicht leicht verdrängen.
Wer überheblich, unhöflich, maßlos, streitsüchtig oder
neidig ist, den verfolgt sie.
Zwischen Nemesis und Tyche-Fortuna gab es eine Kulturfusion. Nemesis wurde als
Zuweiserin und Vergelterin gesehen. Verwandt und verglichen wurde sie auch mit
der kleinasiatischen Adrasteia. Als mythologische Tochter von Nyx und Okeanos
gebiert sie von Zeus verfolgt nach einer Gans-Schwanenhochzeit in Rhamnus das
von Leda gehütete Ei, aus dem Helena hervorgeht. Sie unterhielt verwandtschaftliche
Beziehung mit Artemis und Aphrodite. Ihre Attribute sind das Rad und der Greif.
Sie ist die Herrin der Agone.
„Erst die späteren geben der Nemesis Flügel wie dem Eros, um
damit auszudrücken, dass die Göttin besonders im Gefolge der Liebe
erscheine.“ (3)
Hier zeigt sich ihre nahe Verwandtschaft zu Aphrodite. Sie galt auch als Beschützerin
der Liebe und der Liebenden. „In demselben Sinne ist Nemesis die allen
Wesen gewogene, ihnen mütterlich helfende Erde, der das Wohl der Geschöpfe,
ihrer Kinder, wie im Leben so im Tode am Herzen liegt. Damit verbindet sich
der Begriff der billigen und gerechten Verteilung, wie sie die Mutter unter
den Kindern übt. Sie gibt jedem das Seine, keinem alles.“ (4)
Bei Oropos in der Nähe des Amphiareion liegt ein Heiligtum der Nemesis.
Laut Pausanias war Nemesis die von allen Göttern Unerbittlichste gegen
Frevler. Und als bei Marathon Barbaren landeten, glaubten diese, der Zorn der
Göttin richte sich gegen sie, deshalb brachten sie ihr parischen Marmor
mit zur Herstellung eines Siegesdenkmals - als hätten sie den Sieg bereits
errungen. Pheidias verarbeitete den Marmor zu einer Statue der Nemesis. Auf
den Kopf der Göttin befand sich eine Krone mit Hirschen und kleinen Nikefiguren,
in der linken Hand hielt sie einen Apfelbaumzweig und in der Rechten eine Schale
auf der Aithiopen dargestellt waren. Pausanias erklärt die Aithiopen damit,
dass sie am Okeanosstrom wohnen würden und Okeanos der Vater von Nemesis
sei. (5)
Nemesis wurde auch als Quelle und Wahrerin allen Rechts gesehen und mit Tyche
und Themis gleichgesetzt. Sie sorgte dafür, dass die stofflichen Gaben
unter allen gleich verteilt werden. Sie sorgte dafür, dass die Wahrheit
gewahrt wird und das Unrecht nicht vergessen, bis es entschuldet ist. Aus diesem
Vorstellungskreis konnte sich der Gedanke an das gerechte Schicksal entwickeln;
denn wenn auch die Gaben gleich verteilt waren, so war dennoch jede Seele für
ihre Taten verantwortlich.
Eine Kulturfusion gab es auch mit Themis. Themis ist die Göttin der Gerechtigkeit
und der gesetzlichen Ordnung. Sie war die Tochter der Gaia und des Uranus, Mutter
der Moiren und Horen und des Prometheus. Sie wachte bei Göttern und Menschen
über die Einhaltung von Gesetz und Recht. Sie erbte das Orakel von Delphi
und gab es weiter an ihre Schwester Phoibe.
Von Themis stammt die Weissagung, sie trägt die göttlichen Offenbarungen
in sich, von ihr erhielt alles Weissagen seinen Namen themisthenein (weissagen).
Der Spruch der Orakel barg ja nicht nur einen göttlichen Ratschluss in
sich, sondern auch Urteilssprüche und Voraussagen. Zum Denken und Empfinden
gehört die Urteilskraft. Wer Rat gibt, teilt auch ein Urteil mit. Ob es
beherzigt wird, liegt bei den Ratsuchenden. Wird ein Ratspruch nicht verstanden,
so folgt daraus ein Unheil. Das heißt, eine Handlung kommt in Gang, die
nicht der Heilung der Seele dient, sondern ein neues Unrecht in Gang setzt.
Wir würden heute sagen: die inneren Stimme hat uns gewarnt, etwas zu tun,
aber wir haben darauf nicht gehört. Aus der Missachtung der inneren Stimme
folgt wiederum eine Lektion, eine Erfahrung, die uns daran erinnert, dass wir
uns in Zukunft darauf verlassen sollten, was unser Herz sagt. Aus diesem Grund
waren die Schicksalsgöttinnen keine „negativen“ Göttinnen,
denn sie waren gleichzeitig die Liebesgöttinnen, den Menschen gewogen und
hilfreich zur Seite.
Die Erinyen wiederum vertraten die Ordnung. Sie waren die ausführenden
Kräfte, wenn ein Unrecht begangen wurde.
Die Erinyen waren aber nicht nur die Rächenden, ihre Aufgaben waren weitaus
komplexer. Die negative und einseitige Auslegung als zürnende, rasende
und rächende Geister der Unterwelt – als Furien - brachte die Erinyen
in Misskredit. Vergessen ist, dass sie auch die Freisprechung und die Einsicht,
sowie das Verzeihen initiierten. Wo ein Unrecht begangen wurde, will es entsühnt
werden. Ohne Einsicht aber kann kein Unrechtsbewusstsein entstehen.
Die Erinyen waren die Jurisprudenz Griechenlands: Ehrfurcht vor dem Recht, Besonnenheit
und ethisches Empfinden gegenüber dem Leben. Sie achteten darauf, dass
die heilige Ordnung gewahrt wird. Wer ein Tabu übertrat, den verfolgten
sie mit Gewissensbissen. Eine Tabuverletzung war zum Beispiel gegeben, wer einen
anderen beleidigte. Wer gegen seine Mutter tätlich oder verletzend vorging,
beging ein schweres Unrecht, kommen doch alle Gaben und das Leben von ihr. Damit
verbunden ist das Gefühl für die Dankbarkeit gegenüber der Erde,
aus deren Schoß die Menschen entspringen.
Die Erde und alles Leben aus und auf ihr waren heilig. Als ausführende
Organe der Persephone und später auch des Hades, verfolgten die Erinyen
Frevler, besonders diejenigen, die Blutschuld auf sich geladen hatten. Aber
auch die Verletzung des Gastrechts, welches in Griechenland heilig war, galt
als schweres Verbrechen. Die Erinyen, vertreten in Dreizahl wie die Moiren,
sind namentlich bekannt als Allekto – die Unablässige, Teisiphone
- die den Mord Rächende und Megaira – die Neidische. Alle drei verkörperten
Gefühle und in gewisser Weise sind sie das unentrinnbare Gedächtnis,
welches eine Schandtat nicht vergessen lässt, solange sie nicht gesühnt,
bereut oder wiedergutmacht wird.
Hierin steckt die alte Weisheit, dass ein Unrecht erst aus der Welt ist, wenn
es als solche zugeben und vergeben wird. Unrecht hört nicht auf, Unrecht
zu sein und wird auch über Generationen weitergereicht, solange bis jemand
das Unrecht erkennt, benennt und wieder gut zu machen versucht. Die Unablässigkeit
der Allekto sorgt dafür, dass eine Schandtat nicht vergessen wird. Erwin
Rhode interpretiert die Erinys eines Ermordeten als eine zürnende Seele,
die sich rächen möchte, die später zu einem den Zorn der Seele
vertretenden Höllengeist umgebildet wurde. (6)Die Erinyen sind demnach
die Anwältinnen der verstorben, gekränkten Seele, die zu Lebzeiten
nicht erlöst werden konnte.
Die Arkadier nennen erinyein aufgeregt sein, schreibt Pausanias. Diese Emotion
wurde der Göttin Demeter als Namen beigegeben, als Demeter nach ihrer Tochter
Persephone suchte und Poseidon sich mit ihr vereinigen wollte. Demeter, die
es eilig hatte, ihre Tochter zu finden, verwandelte sich in eine Stute, um Poseidon
zu täuschen; er aber erkannte die Täuschung, verwandelte sich in einen
Hengst und wohnte ihr dabei. Darüber wurde sie so zornig, dass Demeter
den Beinamen Erinys erhielt. (7) Ihren Zorn besänftigt sie beim Baden im
Ladon. Der Ladon umfloss das Heiligtum der Erinys. Diese Erzählung dokumentiert,
wie eine altertümliche subterrane Lokalgottheit aus Arkadien und Böotien,
die Erinys, in Demeter aufgegangen ist.
„Demeter soll von Poseidon eine Tochter geboren haben, deren Namen man
Uneingeweihten nicht nennen darf, und das Pferd Areion; nach diesem soll bei
ihnen zuerst in Arkadien Poseidon Hippios („der Pferdegesichtige“)
genannt worden sein.“ (8)
Rossgestalt und Quellenkult verdeutlichen die Zweiseitigkeit des unterweltlichen
Charakters. Wer war die Tochter, die Demeter gebar? Es war ihre Tochter Persephone.
Warum ihr Name nicht genannt werden durfte, hat mit den eleusinischen Mysterien
zu tun. Nur wer auf das Mysterium der Wiedergeburt vertraute, dem wurde der
geheime Namen ihrer Tochter verraten. Um eine Mysterium zu wahren, durfte es
nicht ausgesprochen werden, denn sonst wäre es ja seines Zaubers beraubt
gewesen.
Der Ort, an dem Poseidon seiner Schwester Demeter auflauerte, liegt in Arkadien,
genau gesagt in der Gegend um Phigalia, einer der ältesten Handelsstädte
des klassischen Arkadiens. Hier lag auch außerhalb der Stadt das Heiligtum
der Okeanin Eurynome, der Artemis mit Frauenbüste und Fischschwanz. In
der Stadt selbst befand sich ein Artemistempel, über dem zwei Kapellen
gebaut wurden, die heute Ruinen sind. Von Phigalia aus lässt sich ein Wanderung
machen zum Wasserfall Aspra Nera („Weißes Wasser“) an der
Neda. Hier gibt es eine Schlucht, die Nedaschlucht, wo man/frau zum Schlund
der Neda wandern kann; jetzt wird dieser Schlund sinnigerweise „Mutter-Gottes-Schlund“
genannt. Dort befand sich der heilige Bezirk der Schwarzen Demeter, der Göttin
mit Pferdekopf, die sich in eine Höhle zurückgezogen hat, um den Raub
ihrer Tochter zu betrauern. Hier soll sie der arkadischen Erzählung nach
von Poseidon Hippios geschändet worden sein.
Das Pferd Areion wurde auch als Sohn der Gaia gesehen und zwar seien es zwei
Rosse gewesen, die sie gebar - den behenden Kairos und den Areion. Beide sind
Wunderpferde.
© Irmgard Klammer
1 Pausanias, I, 19.2
2 Bachofen, Das Mutterrecht, S. 190
3 Pausanias, I, 33.7
4 Bachofen, Das Mutterrecht, S. 190
5 Vgl. Pausanias, I, 33.2-4
6 Vgl. Erwin Rhode, Psyche, 123
7 Vgl. Pausanias, VIII, 25.6 ff.
8 Pausanias, VIII, 25.7