Firmenphilosophien
Um Fortschrittlichkeit und „Bewusstsein“ zu signalisieren,
stellen mittlerweile fast alle mittleren und größeren
Unternehmen ihre „Firmenphilosophie“ dar. Warum
die Darstellung der eigenen Arbeitsweise und das was Kunden
zu erwarten haben, als Philosophie bezeichnet wird ist unklar,
zumal es sich bei den meisten „Firmenphilosophien“
um nichts anderes handelt, als um die Darstellung ihrer wirtschaftsorientierten
Handlungsweisen bzw. –absichten. Es wird um Kunden geworben,
Kunden werden umschmeichelt, ihnen wird versichert, dass sie
genau bei dieser Firma auf die richtige Firma getroffen ist,
denn die Mitarbeiter sind immer höflich, kompetent, verlässlich,
kreativ, stehen Tag und Nacht im Dienst der Kunden, sind leistungsorientiert,
vertrauensvoll und jederzeit bereit sich schulen zu lassen,
um noch mehr Kompetenz zu liefern. Mit einem Wort alle funktionieren
wie auf einem Schnürchen aufgereiht! Die Anforderungen
an die MitarbeiterInnen sind selbstredend überdurchschnittlich
hoch, genauso wie deren Einsatzbereitschaft.
Summa summarum: Es gilt das Leistungs- und Entwicklungspotential
nicht nur optimal zu fördern, sondern das Ganze soll
auch noch die Kosten senken. Denn das Ertragspotential kann
ja nur durch ein funktionierendes „Human-Resource-Management-System“
ausgeschöpft werden.
Und all das fällt unter Philosophie, der Liebe zur Weisheit!
Wer den Begriff Weisheit nie hinterfragt hat, wird ihn zukünftig
mit Listigkeit verwechseln: So viel wie möglich, so schnell
wie möglich rausquetschen was geht, egal worum es sich
handelt: Wirtschaftlich muss es sein. Zuhause ist die Raubbaumentalität
dann plötzlich unbeliebt, denn in privaten Beziehungen
möchten wir es alle schon etwas „humaner“
haben. Im privaten Kreisen werden dann die Klagen laut: Es
ist der Turbokapitalismus, der Konkurrenzdruck, die Arbeitslosigkeit,
etc. die uns alle zwingen auf eine Art im Berufsleben zu handeln,
die wir persönlich ablehnen.
Was stimmt daran nicht? Man gibt vor ethisch – das heißt
für die meisten „philosophisch“ – orientiert
zu sein, im Hintergrund aber lauert der Gedanke den größtmöglichen
Profit zu machen. Ethik muss sich rechnen!? Oder anders formuliert:
Ethik zur Profitmaximierung.
Ethik ist aber kein Begriff der Mathematik, das sollte bekannt
sein. Ethik ist der Ausdruck für das sittliche Verhalten
von Menschen.
Den Begriff Philosophie als Gaul vor den Leistungs- und Profitkarren
zu spannen ist sehr kühn, dass die Zunft selber dazu
schweigt ist bedauerlich.
Abgesehen davon, Philosophie für die Gewinnmaximierung
zu missbrauchen, ist der Begriff Wirtschaftsethik per se schon
irreführend genug.
Ethik und Wirtschaft
Was haben diese hehren Begriffe miteinander zu tun? Wer sich
damit befasst, sollte sich zwischendurch immer wieder in Erinnerung
rufen, dass es die vielen guten Seelen, die es ehrlich damit
meinen, tatsächlich gibt. Unabhängig von der Realität,
die, wie wir ja seit dem Konstruktivismus wissen, die Eigenart
besitzt, minütlich eine andere sein zu können. Wir
sind es die sie herstellen. So simpel soll das Leben sein.
Was du denkst wird sein, so nennen es die PraktikerInnen und
die AnhängerInnen der neoliberalen Religion: Esoterik.
So wahr diese Aussage – was Du denkst wird sein -, oder
Erkenntnis auch sein mag, das Hauptproblem daran ist „das
Denken“. Was denken wir, oder anders formuliert, was
meinen wir selber zu denken? Wir wiederholen doch ständig
nur Phrasen des medialen Palavers das uns permanent gedanklich
infiltriert, ohne dass wir es bemerken? Wir klagen, jammern,
ärgern uns und suchen die Verantwortlichen für die
Misere in der wir uns angeblich befinden immer im Außen.
Und wir finden sie auch. An jeder Ecke ist eine/r die/der
Schuld zugewiesen werden kann, egal um welche Abweichung es
sich handelt. Irgendwer ist immer schuld, nur nicht die Schuldzuweiser
selbst. Das Modell ist sehr simpel und deswegen so beliebt,
weil es ein entscheidendes Kriterium erfüllt: Die Möglichkeit
Eigen- und Mitveranwortung abzulehnen. Oder radikaler formuliert:
Die eigene Passivität zu legitimieren.
Alle Menschen sind verwundbar und niemand liebt Maßregelungen
oder gar Vorwürfe dieser Art. Dafür haben wir keinen
Sensor entwickelt, im Gegenteil unsere Sensoren sind zwar
hochaktiv was das Verhalten anderer Menschen betrifft, bei
den eigenen Verhaltensmustern sind wir allerdings blind wie
Grottenolme. Wir schwätzen kluges Zeug daher, raten anderen
dies und jenes zu tun, verurteilen so genannte Missetäter
oder stampfen sie in Grund und Boden und vergessen in unserer
Selbstgefälligkeit unser eigenes Fehlverhalten. Überfällt
uns unvorhergesehen ein reflektiver Gedanke gestehen wir uns
kurzfristig ein selbst kein Übermensch zu sein. Und plötzlich
strömt Milde aus uns heraus, vor allem Milde uns selbst
gegenüber, begründet durch unseren Werdegang. Dann
hagelt es nur so von Erkenntnissen worum wir so geworden sind,
wie wir sind und selbstverständlich sind auch die Schuldigen
mit auf der Liste: Die Eltern, das soziale Milieu, die Gesellschaft,
die Politik, die Wirtschaft….
Wir selbst sind es nicht gewesen.
Bis zu einem gewissen Lebensalter darf damit argumentiert
werden, ist jedoch eine gewisse Lebensspanne überschritten
wird es problematisch sich weiterhin im Kreislauf der Selbstentschuldigung
aufzuhalten.
„Das Prinzip von Verantwortung überhaupt –
der Beginn der Ethik – wurde noch nicht gezeigt.“
Hans Jonas hat es versucht, und jeder Versuch kann bereits
zum Gelingen gezählt werden, denn es sind die Versuche,
die uns zum Besseren hinführen, und sei es nur, dass
wir das Bessere kurzfristig erfühlen und weitere Anläufe
nehmen müssen.
Kleine Heuschrecken
Wir sind uns ja alle einig in der Feststellung: Heutzutage
geht es nur mehr um Geld und Profit. Heuschreckenwirtschaft
ist das Schlagwort. Was allerdings bei diesen Skandalen völlig
unbeachtet bleibt ist, dass der „kleine“ Mann
und die „kleine“ Frau selbst davon träumen
reich zu werden. Sie finden nur nicht den richtigen Dreh es
zu werden, wie die großen Abzocker. Das ist der eigentliche
Grund für die Bitterkeit, denn insgeheim werden die Reichen
bewundert. Was aber wird bewundert an den Reichen? Die Menge
an finanziellen Mitteln die ihnen zur Verfügung stehen,
oder die Art und Weise wie sie reich geworden sind?
Das ist bislang ja ziemlich ungeklärt: Einerseits die
moralische Verurteilung von Reichtum, denn wir glauben ja,
dass ein ehrlicher, das heißt guter Mensch nicht reich
werden kann, und andererseits werden Reiche bewundert. Wie
nun? Moralische Verurteilung oder Bewunderung?
Genauso widersprüchlich ist auch unser ökonomisches
Verhalten. Wir kaufen Produkte von Firmen deren Inhaber wir
moralisch verurteilen. Warum kaufen wir Produkte von N. M.,
I, etc. während wir gleichzeitig deren Firmenpolitik
schärfstens verurteilen?
Weil sie gut und günstig sind und uns gefallen, oder
weil es keine adäquaten Konkurrenzprodukte gibt? In der
Regel gibt es entsprechende Konkurrenzprodukte, doch unser
Kaufverhalten ist mehr vom „Haben wollen“ als
von konsequentem Handeln definiert, d.h. am Biertisch sind
wir Maulhelden, wenn es ums Umsetzen geht sind wir bequeme
Pfeifen.
Es ist die Bequemlichkeit, die uns die eigene Moral vergessen
lässt.
Unser Konsumverhalten ist leider mit der Produktion von Konsumartikeln
sehr eng verbunden. Jede/r weiß das, trotzdem reagieren
wir auf die Frage nach unserem Kaufverhalten mit einer Plattitüde:
Ich kann mir nichts anderes leisten, der Geldwert sinkt von
Jahr zu Jahr. Und seit dem Euro ist überhaupt alles anders.
Der Geldwert hängt aber in starkem Ausmaß auch
mit dem Konsumverhalten zusammen und mit der allgemeinen wirtschaftlichen
Moral. Wir sind nicht nur KonsumentInnen, wir sind es auch
die die Wirtschaft betreiben: Als Angestellte, Arbeiterinnen
und UnternehmerInnen. JedeR ist Teil vom Ganzen und somit
auch verantwortlich dafür wohin sich die Gesellschaft
entwickelt. Grundlage dazu bilden der Wertekatalog und die
Debatten darum.
Die Wertedebatte ist immer aktuell, selbst wenn sie sich zyklisch
immer wieder als Novum darstellt. Als Auslöser dafür
dienen in der Regel Skandale, die wie Flächenbrände
wüten, zum Beispiel der Bawag-Skandal oder die Bankenkrise
ausgelöst durch die Immobilienblase in den USA. Man/frau
ist erschüttert, erbost, frustriert, fühlt sich
betrogen und bestätigt, dass „die“ ohne jegliche
Moral und Verantwortung tun und lassen können was sie
wollen, nämlich: Sich hemmungslos zu bereichern auf Kosten
von anderen.
Wozu die Aufregung? Dies entspricht doch nur unserem derzeitigen
wirtschaftlichen Kernsatz: Mehr!
Nur: Wie viel mehr vom MEHR brauchen wir?
Für die Einzelnen ist vor allem ein besonderes „Mehr“
spürbar: Mehr Stress, mehr Anpassungs- und Leistungsdruck,
Mobbing, Shopping, Müll- und Maschinenberge, Verkehr,
Lärm, Staub, Schmutz, Macjobs vor allem für Frauen.
Dieses so genannte Mehr zählt aber auch zu den Werten
und Werte werden von UNS Menschen gemacht und auch gelebt,
auch wenn wir uns dessen selten bewusst sind, oder besser
gesagt unsere Beteiligung daran negieren.
Man könnte jetzt ja behaupten, dass ein gewisses Maß
an Bewusstlosigkeit reiner Selbstschutz ist, aber genauso
kann behauptet werden, dass die Selbstschutzmaßnahmen
nichts anderes als Entwicklungs-Parameter sind. Zuerst kommt
das Fressen, dann die Moral, meinte Berthold Brecht, und in
gewisser Weise hatte er Recht. Wenn es um die Befriedigung
unserer materiellen Bedürfnisse – im Gegensatz
zu den ideellen – geht, da lassen wir uns nicht viel
Zeit sie zu erledigen, es könnte ja mittendrin im hektischen
Tun ein Zweifel auftauchen.
Sammeln
Zweifel sind unangenehm und absolut unmodern. Heute darf es
nur mehr Sieger geben, und die kennen und kultivieren keine
Zweifel. Sieger bleiben immer Sieger, selten erwischt es einen
in dem Ausmaß, dass er zum Sozialhilfeempfänger
wird.
Steffi Graf, österreichische Leichathletin kommentierte
im ORF 1 den Frauen-Marathon in Athen 2004. Die Methode wie
die Läuferinnen das Ziel erreichen können ist, laut
Steffi Graf, folgende: „…positiv fokussiert an
das Ziel denken und alle Zweifel wegsperren im Kopf.“
Unsere Werte sind materialistisch ausgerichtet. Wer gut im
Sammeln ist und das nötige Wissen hat, sich über
die anderen Materialmäßig aufzuschwingen, ist ein
Vorbild in der Gesellschaft. Die Art des Tuns hat kaum mehr
Gewicht. Solange der Profit stimmt, passt es. Wer überleben
will, muss sich eben anpassen, sagt man. Die Konkurrenz schläft
nicht, tönt es im Echo rund um den Erdball. Wer nicht
mitzieht mit den anderen ist so gut wie verloren. Und nachdem
es die Anderen auch so denken, müssen wir es halt auch
tun. Denkt hier noch jemand?
Der Geist hat sich, weil er sich seiner Nacktheit schämt,
aus unserer Kultur zurückgezogen. Das ist jetzt natürlich
etwas übertrieben formuliert und könnte milder umschrieben
werden. Aber vom Inhalt her ist nicht viel zurückzunehmen.
Kommen wir noch mal zum Profit. Das Wort ist französisch
und heißt Gewinn, Vorteil. Das Wort Gewinn ist schon
biblisch dokumentiert. „Wer unrechtem Gewinn nachgeht,
zerstört sein Haus; wer aber Bestechung hasst, der wird
leben.“ (Sprüche 15, 27)
Zu diesem Satz kann ich eigentlich nichts sagen, denn weder
was den unrechten Gewinn noch die Bestechung betrifft kenne
ich mich aus. Ich weiß nur soviel: Kein Mensch will
Verlust, alle wollen Gewinn machen, die Kleinen wie die Großen.
Verwerflich ist der Wunsch nach Profit allerdings erst ab
einer bestimmten Größenordnung, meint frau, meint
mann. Warum? Weil ein bisschen Profit moralisch einwandfrei,
großer Profit aber moralisch verwerflich ist? Stellt
sich die Frage nach ethischem Handeln erst ab einer bestimmten
Quantität? Marie Luise von Franz formulierte es so: Ethik
ist eine Frage des Fühlens und nicht des Intellekts.
Ergänzend kann gesagt werden: Ethik ist keine Mengen
– sondern eine Gewissensfrage. Und das Gewissen ist
die Waagschale für unsere Empfindungen und Handlungen.
„Gewissen impliziert Verantwortung.“
© Irmgard Klammer
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